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Ora & LaboraOra & Labora

Dass sich Wirtschaftsleute mittlerweile in Klöstern eine Auszeit nehmen, um neue Kraft zu sammeln bis zum nächsten Burn-out im Hamsterrad der Finanzgeschäfte, ist ja keine Seltenheit mehr. Dass sie dabei jedoch auch Einblick erhalten können in eines der ältesten europäischen Wirtschaftsbetriebe, wäre vielen Managern neu. Die benediktinische Losung "Ora et labora" (‚Bete und arbeite!') ist ein Hinweis darauf, dass sich ein frommes Kloster des Mittelalters durchaus auch ökonomisches Handeln auf seine Fahnen schrieb. Während diese Seite des mönchischen Lebens jetzt verstärkt von Unternehmensberatern entdeckt wird, erschließt Uwe Rosenberg in seinem neuen Spiel Ora et Labora den Zusammenhang für die Gemeinde der Strategiespieler.

ErtragsradIn Ora et Labora stehen wir einem Kloster vor und versuchen, das Kernland und die Stammgebäude unseres Konvents unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu entwickeln. Dies gelingt umso mehr, wenn lukrative Produktionsketten aufgebaut, Siedlungen in attraktiven Gegenden gegründet und durch weiteren Landankauf unser Einflussgebiet vergrößert wird. Die grundlegenden Mechanismen sind zunächst recht einfach: Jeder Spieler führt reihum eine Aktion aus, der Startspieler einer Runde jeweils am Ende noch eine Zusatzaktion. Hierfür stehen je drei Spielfiguren zur Verfügung (2 Laienbrüder und 1 Prior), mit denen wir Gebäude unseres Klosterbetriebes aktivieren können. Außerdem können wir aus dem Vorrat durch Abgabe von Baustoffen oder Geld weitere Gebäude bauen oder auf unserem Land Holz fällen bzw. Torf stechen. Viele Gebäude dienen zunächst der Gewinnung von Vieh, Rohstoffen oder Geld (im Folgenden nur noch "Rohstoffe" genannt), später können neue Bauten dazu verwendet werden, diese "Rohstoffe" zu veredeln oder in siegpunktträchtige Waren umzuwandeln (z. B. Bücher, Wein, Reliquien u. v. m.). Gegen Abgabe einer Gebühr können die Mitspieler sogar gezwungen werden, einen Geistlichen auf ihrem Gebiet für uns arbeiten zu lassen. Mit dem Prior hat man gar die Möglichkeit, gerade gebaute Gebäude sofort zu nutzen.
AusbaukartenDer Spielablauf wird durch das innovative Ertragsrad getaktet. Anstatt Runde für Runde umständlich das Angebot an Basis-"Rohstoffen" anzupassen, wird einfach zu Beginn eines Durchgangs das Ertragsrad mit den Warenanzeigern um ein Feld weiter gedreht, sodass die "Rohstoffe" einen höheren, durch das innere Rad angezeigten Wert erhalten. Nimmt man nach Aktivierung des entsprechenden Gebäudes einen "Rohstoff", wird der Stein einfach auf die Null gesetzt. Das Rad zeigt auch die einzelnen Siedlungsphasen an: Schiebt der Zeiger den türkisfarbenen Gebäudestein, können die Spieler eine Siedlung auf ihrem Gebietstableau gründen. Dazu haben sie bereits von Spielbeginn an Basissiedlungen auf der Hand, die je nach Wohnwert bestimmte Brenn- und Nahrungswerte kosten. Danach kommen jeweils neue Gebäude in die Auslage, eine weitere neue Siedlungskarte nehmen die Spieler auf ihre Hand, um sie ggf. zu einem späteren Zeitpunkt ins Spiel zu bringen. Am Schluss erhält man sowohl für die Siedlungen selbst als auch für waagerecht und senkrecht anschließende Gebäude deren aufgedruckten Wohnwert als Siegpunkte gutgeschrieben.
Während seines Zuges kann man einmal das Kernland des Klosters erweitern, indem man im Norden oder Süden weitere "Landstriche" in Ebenen- oder Hanglage bzw. Areale an der Küste (Westen) bzw. Bergland (Osten) erwirbt. Während die Kosten für diese zusätzlichen Landschaften mit größerer Nachfrage teurer werden, ist auch die Landschaftsart von besonderer Bedeutung, verlangen doch bestimmte Gebäude einen bestimmten Typus, um überbaupt gebaut werden zu können. Gleichfalls ist zu berücksichtigen, dass weitere geniune Klostergebäude (mit Gelb hervorgehoben) stets an bestehende Gebäude des Stammhauses angrenzen müssen.
Komplexität gewinnt Ora et Labora durch die Vielzahl der Gebäude in der Auslage. Diese bringen am Ende des Spiels Siegpunkte und besitzen einen bestimmten, nicht immer positiven Wohnwert, der nur durch angrenzende Siedlungen aktiviert und nur so für das Siegpunktkonto gewinnbringend verbucht werden kann. Es bedarf einiger Erfahrung, die möglichen Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Bauten zu durchschauen. Da die Gebäudekarten aus platztechnischen Gründen klein sind und das System der beigefügten Übersicht erst einmal verstanden werden will, sollten die Kosten und Funktionen zunächst für alle Mitspieler erklärt werden. Spätestens ab der dritten Partie jedoch findet man einen Zugang zur Kartensymbolik und kann die Funktionen der Gebäude selbst auf den Tableaus der Konkurrenten gut nachvollziehen.
Landschaftskarten Ora et Labora verläuft in der Langversion mit 3-4 Spielern über 24 Runden plus eine Bonusrunde. In dieser kann jeder Spieler auch besetzte Gebäude und fremde ohne Gebühr nutzen, bevor die fünfte und letzte Siedlungsphase gespielt wird. Bei der folgenden Wertung erhalten alle die Siegpunkte für ihre Gebäude und Waren und ermitteln den Wohnwert ihrer Siedlungen. Wer die meisten Siegpunkte hat, gewinnt Ora et Labora.

Uwe Rosenbergs neues Spiel verlangt dem Rezensenten ein erhöhtes Maß an Testpartien ab: Das resultiert nicht nur aus der Tatsache, dass Ora et Labora mithilfe der Karten, die beidseitig bedruckt sind, in einer Frankreich- (mit Wein) oder Irland-Variante (mit Whiskey) gespielt werden kann. Auch das umfangreiche Regelwerk bietet unterschiedlich zeitintensive und auf die Spielerzahl ausgerichtete Versionen an: Im kurzen Mehrpersonenspiel wird die Rundenzahl durch regelmäßige Ausschüttung von Bonus-"Rohstoffen" erheblich reduziert. Dies erlaubt es, die Mechanismen des Spiels kennenzulernen oder die Spieldauer von bis zu vier Stunden deutlich zu reduzieren. Den strategischen Reiz, den eigenen Klosterbetrieb durch klugen Gebäudebau langfristig voranzubringen, bildet diese kurze, vom Überfluss gekennzeichnete Mehrpersonenvariante allerdings nicht ganz ab. Im Spiel zu zweit kann man ebenfalls zwischen einer kurzen und einer langen Version wählen: Während beim normalen Zweipersonenspiel ein modifiziertes Ertragsrad genommen und bestimmte Gebäude des Vorrats aussortiert werden, wächst sich die zweite Variante zu fast epischer Länge aus, da mit fast sämtlichen Gebäudekarten gespielt wird. In beiden Versionen für zwei Spieler wird so lange gespielt, bis nur noch 1 bzw. 3 Gebäude in der Auslage liegen. Bei dieser Regelung kann es vorkommen, dass Spieler vergessen, dass gelbe Klostergebäude nur an bereits bestehende angebaut werden können, und so die Spielendebedingung nicht erreicht werden kann. Hier ließ der Autor im Spielbox-Forum eine sinnvolle Regelergänzung mitteilen: Das Spiel ist nun auch dann beendet, wenn alle Gebäude im Angebot nicht mehr gebaut werden können. Last but not least enthält auch dieser "Rosenberg" eine Solovariante, in der man mit einem fiktiven neutralen Spieler spielt und bei vollem Gebäudeangebot mind. 500 Punkte erreichen muss. Von der o. g. Ausnahme abgesehen funktionieren alle Varianten sehr gut.

WertungskartenAls Aufbauspiel verbindet Ora et Labora auf spannende und kurzweilige Weise Elemente des Worker-Placement mit solchen topologischer Entwicklung. Wer genau hinsieht, wird vor allem Anleihen an Le Havre erkennen, das Uwe Rosenberg 2008 bei Lookout veröffentlichte. Die Ausstattung des Kernlands und der Landstriche durch Wald- oder Moorkarten, die potentiell abgebaut werden können, ist bekannt aus der Moorbauern"-Erweiterung (2009) zum DSP-Gewinner Agricola (Lookout 2007). Das zeigt bereits an, an welche Zielgruppe sich Ora et Labora richtet: an die begeisterten Spieler eben dieser Spiele. Auch der Schreiber dieser Zeilen rechnet sich zu diesem Kreis, wenngleich er mit "Le Havre" wegen des Verwaltungsaufwands und der Unerbittlichkeit des Spielsystems nicht ganz warm werden konnte. Wie verhält sich nun Ora et Labora zu diesen Spielen? Die Modifikation des Prinzips von "Le Havre" empfinde ich persönlich als sehr elegant und gelungen: Das dort ständig wiederkehrende Nahrungsproblem ist in Ora et Labora dem Moment konstruktiver Planung gewichen, da hier Brenn- und Nahrungswerte vor allem in der sanktionsfreien Siedlungsphase von Bedeutung sind, was ein positives Spielgefühl vermittelt. Der umständlichen Materialverwaltung wird in Ora et Labora durch Ertragsrad und klare Systematik ein Riegel vorgeschoben. Während die Langversion von "Le Havre" nicht jedem die zwingend bessere Variante zu sein scheint, ist sie bei Ora et Labora viel flüssiger, spannender - berechtigter. Allein in der Ausstattung fällt der Neuling ein wenig hinter seinen Urahn zurück: dass bei Lookout seit kurzem die Spieltableaus nur noch aus dünnem Karton bestehen und Spielübersichten auf einfachem Papier gedruckt sind, deren Laminierung dringend zu empfehlen ist, darf an dieser Stelle zumindest bedauert werden.

Auf den Punkt gebracht: Wer "Le Havre" oder "Agricola" zu seinen Favoriten zählt, wird Ora et Labora lieben. Wer auch sonst ein Strategiespiel sucht, das trotz langer Spieldauer und gehöriger Spieltiefe viel Spannung und Abwechslung bietet, kommt an Ora et Labora nicht vorbei. Und da ist es kein Nach-, sondern ein ausgesprochener Vorteil, dass es einiger Zeit bedarf, die vielen Varianten auszuprobieren. Für mich ist Ora et Labora das beste Spiel des Autors seit "Agricola". (thb)

Steckbrief
Ora & Labora

Autoren Verlag Spieler Alter Spieldauer Gestaltung
Uwe Rosenberg Lookout Spiele 1 - 4 Spieler ab 12 Jahre 120 - 180 Minuten Klemens Franz