Der Untergang von Pompeji

Wenn Menschen dem vermeintlichen Glück hinterher jagen, durch Vergnügungen, Reisen, Abenteuer o.ä., oder durch Unternehmungen wirtschaftliche, pekuniäre oder gesellschaftliche Vorteile anstreben, übersehen und verdrängen sie oft die Gefahren die dabei lauern können. Gerade in der letzten Zeit mussten das viele Menschen, Touristen aber in weit stärkerem Maße Einheimische, in den von einem Tsunami heimgesuchten südostasiatischen Strandregionen erkennen. Diese schwerste Katastrophe seit Menschengedenken zeigt, dass eine liebliche, beschauliche Natur unvorhersehbare, plötzlich auftretende, Tod bringende Gefahren mit sich bringen kann.
Ähnlich muss es wohl auch bei einer großen Katastrophe in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts gewesen sein. Innerhalb eines Tages, ja von Stunden, wurden die beiden Städte Pompeji und Herculaneum am Fuße des Vesuvs buchstäblich in Schutt und Asche gelegt. Viele Einwohner, die von den fruchtbaren Hängen des Vulkans oder der idyllischen Lage Pompeji direkt am Meer angezogen worden waren, kamen dabei ums Leben. Nur wenige konnten durch Flucht ihr Leben retten. Vor diesem Hintergrund hat Erfolgsautor Klaus-Jürgen Wrede, angeregt durch einen Besuch der wieder ausgegrabenen Ruinen, sein Spiel Der Untergang von Pompeji, erschienen bei Amigo, angesiedelt.

Der Spielplan zeigt eine Stadt mit etlichen Häusern, Plätzen und Wegen sowie sieben Stadttoren, durch die ein Verlassen möglich ist. Die Stadt ist mit einem quadratischen Raster überzogen, in das später die Lavaplättchen gelegt werden. In einer Ecke des Plans kann in einer Vertiefung der kegelförmige Vulkan aufgebaut werden. Ich muss allerdings zugeben, dass mich davon die dünne Pappe und die lausige Art der Fixierung der Kegelform abgehalten hat, zumal er auch als Spielmaterial nicht unbedingt gebraucht wird. Dazu unten mehr. Bei anderen Spielen konnte ich beobachten, dass bereits nach wenigen Malen des Gebrauchs der Vulkan hinüber war. Schade, mal wieder an der falschen Stelle gespart. Aber zur Ehrenrettung sei erwähnt, dass in folgenden Auflagen eine stabilere Variante, die ich allerdings noch nicht in Augenschein nehmen konnte, beiliegen soll. Holzzylindern stellen die Familienmitglieder der zwei bis vier beteiligten Sippen dar. Motor des Spiels sind jedoch in Phase 1 die Hauskarten, in Phase 2 die bereits erwähnten Lavaplättchen, die eins von sechs unterschiedlichen Symbolen zeigen.

Phase 1 symbolisiert den Zuzug der Bewohner nach Pompeji. Erst zögerlich, dann in größeren Gruppen. Beim Ausspielen der ersten acht Karten wird ein Familienmitglied in ein Haus unter der bezeichneten Hausnummer gesetzt. Zwei bis vier Personen haben darin Platz. In etwas mehr als der Hälfte der Fälle findet man unter einer Hausnummer sogar zwei Gebäude. Dann muss man sich entscheiden, für das kleinere, näher zu einem Ausgang gelegene oder das größere. Die Entscheidung kann auch abhängig vom Kartenbesitz sein, denn nach den acht Karten dürfen Verwandte nachgezogen werden. Für jeden Bewohner, der sich beim Setzen bereits im Gebäude (wichtig, nicht unter der Hausnummer) befindet, darf ein weiterer Spielstein platziert werden. Dies in einem Gebäude der gleichen Farbe oder einem der zahlreichen neutralen Gebäuden. Da werden natürlich die größeren Gebäude sehr interessant. Aber man muss auch die richtigen Karten haben oder ziehen. Mit einer nachgezogenen, so genannten Omenkarte ist es möglich, einem verängstigten Bewohner den Umzug in eine andere Stadt nahezulegen. Da nimmt man natürlich nie einen eigenen und macht idealerweise wieder einen Platz in einem vollen Gebäude, zu dem man noch eine Karte hat, frei.

Nach und nach füllt sich die Stadt. Und wann bricht der Vulkan aus? Man weiß es nicht, wie damals die Bewohner von Pompeji. Eine entsprechende Karte ist unter die letzten fünfzehn des Stapels gemischt worden. Der Ausbruch kann also früh passieren oder sich auch bis zum Ende des Kartenstapels hinziehen. Dadurch ergibt sich vielleicht ein kleines Ungleichgewicht, wenn Mitspieler einmal öfter (oder zweimal öfter beim Spiel zu dritt) Verwandte nachziehen durften. Viele Familienmitglieder in der Stadt bedeutet viele Fluchtmöglichkeiten also ein Vorteil, denn wer die meisten Familienmitglieder retten kann gewinnt. Andererseits, die Flucht geht nicht so schnell, wie wir sehen werden, also werden auch viele nicht überleben und in den Vulkan geworfen werden. Die Steine im Vulkan dienen nur als Tiebreaker bei Spielende. Und da komme ich an den Anfang zurück. Die Steine können durchaus auch offen gesammelt werden, der Vulkan wird nicht notwendigerweise gebraucht.

Mit dem Ausbruch des Vulkans beginnt sofort Phase 2 und damit die schon mehrfach angesprochene Flucht. Zunächst werden sechs Vulkanplättchen verdeckt gezogen und entsprechend den Symbolen an den Eintrittsstellen der Lava in die Stadt platziert, sozusagen eine Ausgangssituation hergestellt. Wer nun an der Reihe ist, zieht ein weiteres Plättchen. Das wird man so anlegen, dass viele Mitglieder der anderen Sippen betroffen sind und in den Vulkan wandern, und man sich einen eigenen Fluchtweg nicht verstellt. Denn nach dem Platzieren dürfen noch zwei Spielfiguren bewegt werden. Und das ist ganz pfiffig gelöst. Ein Flüchtender hat so viele Schritte wie Figuren insgesamt im Rasterfeld stehen. Schön wäre es, wenn man die Seinigen kompakt zusammenhalten könnte, um sie schnell Richtung Ausgang zu bewegen. Aber rückt der erste drei Felder vor, bewegt sich der zweite nur noch zwei und schon sind sie auseinander. Lange Fluchten sind fast unmöglich, denn kaum sind Bewohner in der einen Ecke halbwegs in Sicherheit gebracht, droht die Lava schon wieder in einer anderen. Der eine oder andere ist dennoch nicht zu retten und muss wohl oder übel aufgegeben werden.

Der Untergang von Pompeji ist solide gemacht und funktioniert tadellos. Auch muss ich hier der übersichtlichen und von Beispielen durchsetzten Regel ein Lob aussprechen. Die Handhabung der Vulkankarte und der Omenkarten allerdings könnte anders gestaltet und vereinfacht werden. Für meinen Geschmack dürfte der Spielablauf etwas abwechslungsreicher und anspruchsvoller sein. Der Vielspieler wird sich dadurch nicht so sehr angesprochen fühlen. Der Familienspieler hingegen sehr wohl. Was macht es doch für eine (Schaden)Freude, drei Figuren vom Papa in den Vulkan zu befördern. Dass dabei eigentlich eine Katastrophe nachgespielt wird, ist schnell aus dem Bewusstsein verdrängt. Wir hierzulande haben ja auch mit Vulkanausbrüchen glücklicherweise wenig zu tun. Dennoch wird es Der Untergang von Pompeji angesichts der Ereignisse in Südostasien schwer haben. (mw)

Steckbrief
Der Untergang von Pompeji
Autoren Verlag Spieler Alter Spieldauer Gestaltung
Klaus-Jürgen Wrede Amigo 2 - 4 Spieler ab 8 Jahre ca. 45 Minuten Oliver Freudenreich