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Die blutige HerbergeDie blutige Herberge

"Aufgrund ihres einmaligen Landschaftsbildes und ihrer Flora und Fauna ist die Ardèche Ziel von naturliebenden und ruhesuchenden Touristen." Auch viele arglose Gäste einer Herberge in dieser malerischen südostfranzösischen Gegend fanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Ruhe, wenngleich auf andere Art als gedacht. Zwischen 1807 und 1833 wurden sage und schreibe 53 Reisende Opfer der raubmörderischen Betreiber der später unter dem Namen "Auberge rouge" bekannten Unterkunft, bis deren Tun aufgedeckt wurde und die Mörder mit der Guillotine Bekanntschaft machten. Den Ort kann man heute noch besichtigen, ein Museum klärt über die makraben Details der damaligen Ereignisse auf. In frankophonen Ländern leben die sich darum rankenden Legenden fort, allein viermal wurde der Stoff verfilmt (u. a. mit Fernandel). Nun bietet uns der belgische Verlag Pearl Games mit dem Kartenspiel Die blutige Herberge die Gelegenheit, in einer historischen Konfliktsimulation der anderen Art unserer mörderischen Geldgier spielerisch zu frönen.

CharkatereIn der Blutigen Herberge geht es in erster Linie darum, Herbergsgäste umzubringen und ihre Leichen in den Fundamenten von Anbauten verschwinden zu lassen, um an ihr Geld zu kommen. Zweimal werden die Gäste (der Kartenstapel) durch die Herberge gelotst, bis der reichste Spieler den Sieg für sich beanspruchen darf. Runde um Runde werde neue Gäste (Karten) willkommen geheißen und vom Startspieler auf die Zimmer verteilt. Wenn sie Glück haben, passiert ihnen dort nichts und sie können das Haus am nächsten Tag ungeschoren wieder verlassen. Aber es bieten sich weitere Alternativen: Sie können von den Spielern bestochen oder um die Ecke gebracht werden. Doch der Reihe nach! In einer Runde haben die Spieler insgesamt zwei Aktionen (reihum zweimal je eine). Als "Bezahlungsmittel" fungieren die Handkarten, die den Hobbyräubern als Komplizen dienen. Jede Karte besitzt einen Level von 0 bis 3. Dieses Level zeigt an, wie viele Karten aus der Hand gespielt werden müssen, um die gewünschte Karte für eine Aktion zu nutzen. Dabei haben die Komplizen unterschiedliche "Talente", sind also prädestiniert für bestimmte Aktionen und können deshalb nach der Durchführung statt abgeworfen wieder auf die Hand genommen werden.

Welche Aktionen sind möglich? Zunächst ist es ratsam, sich mit Komplizen auszustatten, um handlungsfähig zu sein. Hier sucht man sich einen der in der Herberge ausliegenden Gäste aus, besticht sie durch Abgabe der erforderlichen Anzahl von Handkarten und nimmt die neue Karte auf die Hand (Aktion Bestechung). Die meisten Komplizen lassen sich in einen Anbau der Herberge umwandeln. Dazu spielt man eine Handkarte und legt sie vor sich aus. Selbstredend muss man auch dies mit weiteren Komplizen aus der Hand bezahlen. Die Zusatzgebäude bescheren je nach Level unterschiedlich starke Vorteile, z. B. sofortiges Geld oder Vergünstigungen bei bestimmten Aktionen. Anbauten von Stufe 1 bis 3 können außerdem die sterblichen Überreste entsprechend vieler Personen aufnehmen, denn bei reger mörderischer Tätigkeit ist guter Platz teuer (Aktion Anbau). Tötet man einen Gast auf seinem Zimmer, legt man dessen Karte umgedreht vor sich ab, insofern man auch hier die geforderte Anzahl von Komplizen aus der Hand abwerfen kann (Aktion Umbringen). Die unter dem Sargsymbol abgedruckte Prämie kann freilich erst dann auf der Geldleiste des Herbergplans addiert werden, wenn der Gast seine letzte Ruhe unter einem Anbau gefunden hat, sei es unter einem eigenen, sei es unter dem eines Mitspielers, dem dann die Hälfte der Einnahmen zusteht (Aktion Beerdigen). Da das geraubte Geld nicht unendlich gelagert werden kann, muss es von Zeit zu Zeit in Schecks über 10 Francs umgewandelt werden. Dies geschieht beim "Passen": Hier tut man nichts anderes als sein Geld zu "waschen". Wer zu spät daran denkt, muss Verluste hinnehmen, denn die Geldleiste reicht nur bis 40 Francs und alles, was darüber hinausgeht, muss wie die beraubten "Opfer" dahinfahren.

Die blutige Herberge besitzt ein vorderhand eingängiges Spielprinzip, das jedoch in den ersten Partien nicht gänzlich intuitiv umzusetzen ist, da die Verzahnungen von Vorteilen durch die "Talente" der Komplizen und durch die Anbauten durchaus komplex sein können. Nach einiger Zeit wird dann jedoch deutlich, dass es zum einen wichtig ist, die "Talente" geschickt zu nutzen, um Aktionen preisgünstig spielen zu können. Zum anderen sind die Anbauten absolut notwendig: Einige von ihnen erleichtern bestimmte Spielzüge ungemein, was angesichts der bloß zwei erlaubten Aktionen während einer Runde absolut notwendig ist, z. B. um das rasche Beseitigen der "Opfer" zu gewährleisten. In unseren Tests sind Partien zu dritt am besten angekommen, da sich das Spiel in dieser Konstellation noch hinreichend flüssig und vor allem wegen der Konkurrenz um einzelne ausliegende Karten spannend gestaltet. Das Solospiel ist wie so häufig eine gute Möglichkeit zum Üben, mehr nicht. Zu zweit fehlt das Element des Unvorhergesehenen oder Gefährlichen (z. B. wenn mehrere Ordnungshüter eingekehrt sind). In Vollbesetzung schließlich kann man schon einmal den Überblick verlieren, wer wann das wievielte Mal an der Reihe ist. Auch die Spielzeit ist dann für das Gebotene zu lang und wenn man in der Spielerreihenfolge hinten sitzt, sind die eigenen Züge kaum planbar.

Volle Punktzahl erzielt Die blutige Herberge bei Thema und grafischer Gestaltung. Die makabre Geschichte ist wunderbar in Szene gesetzt, die launige Spielanleitung fügt sich in das Bild ein. Wer schwarzen Humor liebt, wird bestens bedient. Der Grafikstil der Gastporträts ist ungewöhnlich und erfrischend anders. Mit seiner schrägen Note trägt er ganz entscheidend zur vollauf gelungenen thematischen Einkleidung bei, für die man freilich ein Faible haben muss.

Allerdings hält der Spielreiz nicht ganz mit der Verpackung mit. Die blutige Herberge kann in einer kurzen oder langen Variante gespielt werden (es werden vor dem Spiel mal mehr, mal weniger Karten entfernt), doch wenn überhaupt sollte man die kurze Version nur zum Kennenlernen der Regeln nutzen, da man sich kaum entwickeln kann und das Spiel einen am Ende unbefriedigt zurücklässt. Doch auch im Langmodus kommen die Auswirkungen der eigenen Entscheidungen kaum zum Tragen. Grundsätzlich bestimmen Ebbe und Flut den Spielverlauf: Man gibt Karten für Aktionen aus und muss über kurz oder lang wieder seine Kartenhand auffüllen, um sich zwei bis drei Runden später wieder einen einträglichen Spielzug leisten zu können. Die "Talente" der Karten sind auf nur eine Aktionsart begrenzt, wenn man also etwas anderes machen will, müssen anderweitig spezialisierte Komplizen auf den Ablagestapel wandern. Dieses Auf und Ab kann enervieren, zumal wenn die Kartenauslage ungünstig ausfällt. Besonders schade ist es, dass sich das Ärgerpotenzial, das die Regeln versprechen, nicht wirklich entfaltet. Ein Beispiel: Der Sinn der begrenzten Geldleiste liegt theoretisch auch darin, die Mitspieler zum Bestatten ihrer Leichen bei den maximal reichen Konkurrenten einzuladen, die so nicht dadurch profitieren können und zudem wertvollen Bestattungsraum verlieren. Dazu sind jedoch einige Voraussetzungen zu erfüllen, sodass diese Situation in den Tests praktisch nie eingetreten ist. So bleibt unter dem Strich ein mittelmäßiges, da wenig dynamisches Kartenspiel mit einem für mich umwerfenden Thema, dem man eine etwas überzeugendere Verspielung gegönnt hätte.

Steckbrief
Die blutige Herberge

Autoren Verlag Spieler Alter Spieldauer Gestaltung
Nicolas Robert Pearl Games 1 - 4 Spieler ab 14 Jahre 45 - 60 Minuten Weberson Santiago, Luis Francisco