Glen MoreGlen More

"Sex sells" sagen die Amerikaner, wenn mit viel Haut und kurzem Rock für ein Produkt geworben wird. "Sex sells", sage auch ich, wenn ich Glen More vorschlage und zeige dabei die Person, die seitlich auf der Schachtel abgebildet ist. Der Rock ist zwar nicht so kurz, aber Bein wird kräftig gezeigt, denn wir sehen einen Schotten im Kilt und somit gar keinen Rock mit Beinfreiheit.

Als Schotten starten wir mit unserem Clan, den wir zu Ruhm und Ehre … nein, zu vielen Siegpunkten führen sollen. Zunächst besteht unser Clan aus einem Dorf mit einem Bewohner und er besitzt sechs Münzen.

Spielfläche mit LagerAuf der zentralen Spielfläche befinden sich ein Lager sowie ein Rundkurs. Auf diesem Rundkurs platzieren die Spieler ihre farbigen Spielfiguren. Bis auf ein Feld werden alle weiteren Felder mit Plättchen, die Landschaften zeigen, belegt. Durch das leere Feld erhält die Auslage einen Anfang und ein Ende. Der Spieler, dessen Spielfigur am Ende der Auslage steht, führt seinen Spielzug aus: Er nimmt sich eine beliebige Landschaft und stellt seine Figur auf das Feld, auf dem das Plättchen mit der Landschaft lag. Dann legt er die Landschaft in seine Auslage, führt die Funktionen aktivierter Landschaften aus und legt abschließend ein neues Plättchen auf die Spielfläche. Schauen wir uns dies im Detail an.

Für einen Spielzug stehen dem Spieler je nach Mitspielerzahl acht bis zehn Plättchen zur Auswahl. Es hört sich zunächst erstaunlich an, ein beliebiges Plättchen nehmen zu dürfen, doch hat die Wahl eine weitere Konsequenz: Wer ein Plättchen weit vorne wählt, wird lange Zeit mehr keine Spielzüge ausführen, denn seine Figur muss dazu am Ende der Reihe stehen. Später, bei der Wertung, werde ich zeigen, dass weite Strecken sehr wohl sinnvoll zurückgelegt werden können.

Die Plättchen sind in vier Abschnitte unterteilt, wodurch sichergestellt wird, dass die Landschaften in einer sinnvollen Reihenfolge erscheinen. Dabei gibt es diverse Bereiche wie Landwirtschaft (Rinder- und Schafzucht sowie Getreideanbau), Produktion (Steinbrüche und Wälder sowie Destillen), Wohnorte (Dörfer und die berühmten schottischen Castles), Handel (von Fleischerei über Jahrmärkten zum Krämerladen) und zuletzt diverse Lochs, die schottischen Seen. Jeder Bereich hat im Spiel eine andere Funktion, so bringen zum Beispiel die Landwirtschaft Nahrung und der Handel Siegpunkte.

Auslage im SpielBevor eine Landschaft in die Auslage gelegt werden darf, sind ihre Kosten zu begleichen. Diese sind, wenn vorhanden, in Form von Ressourcen angegeben. Besitzt der Spieler sie, gibt er sie ab. Anderenfalls muss er sie aus dem Lager auf der Spielfläche kaufen, was ein bis drei Münzen kostet. Später können auch Ressourcen in das Lager verkauft werden, um so erneut an Münzen zu gelangen.

Wird eine Landschaft in die Auslage gelegt, sind mehrere Dinge zu beachten. Zunächst sind da die Straße und der Fluss, die unser Startdorf durchqueren. Befindet sich eines davon auf der gewählten Landschaft, so muss sie in die entsprechende waagrechte bzw. senkrechte Reihe gelegt werden. Außerdem muss sie seitlich an eine andere Landschaft grenzen und in der Umgebung - für Glen More bedeutet dies immer auch diagonal - muss sich ein Clanmitglied befinden.
Wurde die Landschaft in die Auslage integriert, werden die neue Landschaft und alle Landschaften in der Umgebung aktiviert. Für viele Landschaften bedeutet dies den Erhalt seiner Ressource, so entsteht auf der Weide ein Rind oder in Wald wird Holz produziert. Dörfer und Castles erlauben die Bewegung von Clanmitgliedern und der Handel erzeugt Siegpunkte, meist gegen Abgabe von Ressourcen.

Immer wenn die Landschaften eines Abschnitts ausgelegt sind, kommt es zu einer Zwischenwertung. Hierbei werden Whisky (kann in der Destille gebrannt werden), Chieftains (Clanmitglieder, die von der Auslage heruntergezogen werden) und ihre Bonnets (diese typisch schottischen Mützen gibt es mit einigen Castles) sowie die Anzahl besonderer Landschaften (Castles und Lochs) verglichen. Dazu wird die Differenz zum Spieler mit der geringsten Anzahl ermittelt, die dann wiederum in Siegpunkte ungerechnet wird. Das klingt kompliziert, geht aber schnell: Habe ich zum Beispiel einen Whisky und mein Mitspieler fünf, zu erhält er für vier Whisky, die er mehr besitzt, fünf Siegpunkte.
Das Spiel endet, sobald die letzte Landschaft auf die Spielfläche gelegt wurde. Es folgen die Zwischen- und die Endwertung. In der Endwertung erhalten die Spieler Siegpunkte für Münzen und für manchen besonderen Ort. Außerdem wird nun die Anzahl der Landschaften verglichen. Wer am wenigsten besitzt, zahlt nichts. Alle anderen Spieler zahlen pro Landschaft, die sie mehr besitzen, drei Siegpunkte. Wer danach die meisten Siegpunkte vorweisen kann, ist Sieger.

Auslage bei SpielendeJa, schreit mein Spielerherz. Genau so hab ich gerne ein anspruchsvolles Spiel und ich fange einfach an zu erzählen, wie ich Glen More kennen und lieben gelernt habe. Schon der erste Eindruck war gut. Die Grafik stellt Schottland so dar, wie ich sie mir als Deutscher, der nie dort gewesen ist, vorstelle: Leicht neblig, trotzdem farbig, mit viel Grün und Braun. Das setzt sich beim Material fort. Die Schachtel ist voll, mit Plättchen, mit Siegpunkte und Münzen, vor allem aber mit Ressourcen und Figuren aus Holz.
Aber hält das Spiel auch was die Optik verspricht? Das erste Spiel geht einfach. Ohne Aufbau und Beschreibung der Spezialorte ist die Regel gerade vier Seiten lang. Wir schenken uns die Spezialorte und lesen sie dann, wenn eines der dazugehörigen Plättchen erscheint. So geht der Einstieg schnell, auch weil bei der Vielzahl der Plättchen viele ähnlich funktionieren, denn ob der Wald ein Holz oder die Wiese ein Schaf produziert, ist beim Erlernen gleich, im Spiel macht es jedoch einen wichtigen Unterschied.

Es folgen weitere Spiele. Der Mechanismus für die Zugreihenfolge ist sehr originell und weil am Ende für viele Landschaften Siegpunkte zu bezahlen sind, sollte man es tunlichst meiden, wenig hilfreiche Landschaften zu nehmen, nur weil sie gerade schön herumliegen.
Auch die Auslageregeln sind einfach und originell. Sie schränken ein ohne die Entscheidungsfreiheit zu zerstören. Dabei erfordern sie Planung, weil die Clanmitglieder an der richtigen Stelle stehen müssen, verzeihen aber auch leichte Fehler. Was bei uns nie vorkam lese ich später im frühern Spielbox-Forum: man kann sich handlungsunfähig machen, und das ist in der Regel nicht beschrieben. Das ist grundsätzlich schade, weil das Spiel so eben doch eine Schwäche hat.

Cawdor Castle Iona Abbey Loch Ness Castle Moil

So spielen wir mit unseren Ressourcen, schenken Whisky in Tavernen aus und besuchen Loch Ness mit seinem Ungeheuer. Wir beobachten unsere Mitspieler und warten auf unseren nächsten Spielzug, produzieren Rinder für die Fleischerei, bauen uns ein oder zwei schöne Castles und errichten vielleicht zum Abschluss eine Brücke. Die Zeit verging bei jedem Spiel schnell und am Ende hat jeder Spieler seine Landschaft für seinen Clan errichtet, persönlich etwas erreicht, was vor ihm liegt und er sich anschauen kann. Das Spiel ist sehr konstruktiv und das schlägt sich in einem äußerst positiven Spielgefühl nieder.

Das wäre ein schöner Schlusssatz, doch dann würde etwas keine Erwähnung finden, was ich gern noch niederschreiben möchte. Bei zwei und drei Spielern kommt ein Würfel ins Spiel. Höre ich ein Aufstöhnen? Unnötig! Der Würfel zeigt die Zahlen von 1 bis 3 und wird wie eine Spielfigur auf der Spielfläche platziert. Führt der Würfel einen Spielzug aus, so lässt er sich würfeln und nimmt dann gemäß dem Würfelwurf eine Landschaft, die am Anfang der Reihe sofort ersetzt wird. Diese Lösung für wenige Spieler ist nicht nur originell, sondern auch einfach in der Handhabung und vor allem notwendig. Die Plättchen werden so reduziert und die einhergehende Unwägbarkeit erlaubt es auch, Landschaften am Anfang der Reihe zu nehmen, weil die Mitspieler nur bedingt planen können. Doch auch wenn unser Würfel das begehrte Plättchen nimmt, ist das nicht das Ende. Es gibt Alternativen und das Spiel ist auch hier tolerant gegen Fehler und Zufall.

Zu Samarkand, meinem Lieblingsspiel aus dem aktuellen Jahrgang, habe ich hier nun die gesuchte Ergänzung gefunden: Ein Spiel, das etwas mehr Planung und etwas mehr Zeit erfordert, und dabei ebenfalls in der ganzen Bandbreite von zwei bis fünf Spieler sehr gut funktioniert. (wd)

Steckbrief
Glen More
Autoren Verlag Spieler Alter Spieldauer Gestaltung
Matthias Cramer alea 2 - 5 Spieler ab 10 Jahre 45 - 70 Minuten Loïc Billiau, Harald Lieske