Es gibt immer mal wieder Rezensionen, die mir besonders schwer fallen zu schreiben. Meistens liegt es daran, dass ich irgendwie "quer" zu dem zu rezensierenden Spiel stehe. Ein solches Spiel ist Wikinger. Doch fangen wir von vorne an.

Wikinger lernte ich auf der Nürnberger Spielwarenmesse kennen, wo ich die Gelegenheit fand, es einmal komplett zu spielen. Der neue Verteilmechanismus, ich beschreibe ihn weiter unten noch ausführlich, war faszinierend. Das gesamte Spiel war zunächst so angelegt, dass ich einfach intuitiv spielte, weil ich noch keine Ahnung davon hatte, was strategisch sinnvoll war.

Auslage von Plättchen und Figuren Das Spiel ist in seiner Grundstruktur recht simpel. In sechs Durchgängen werden je 12 Plättchen mit einer Figur "verkauft". Die Plättchen zeigen entweder ein Inselteil oder ein Schiff. Die Figuren gibt es in sechs Farben, die jeweils die Bedeutung der Figur bestimmt. Wenn ich an die Reihe komm, muss ich ein Teil kaufen, das Plättchen anlegen und die Figur platzieren.
Das geht nun nicht alles zufällig, sondern schön geordnet. Die 24 Teile, die verkauft werden, werden um eine Drehscheibe platziert, die die Zahlen von 0 bis 11 zeigt. Das ist der jeweilige Verkaufspreis. Die Plättchen werden nun nach Inseln und Schiffen sortiert ausgelegt. Ein Inselteil, es gibt hier Inselanfang (Lagune), -mitte (mit Gebäude) und -ende (Steilküste), wird von der 0 an ausgelegt; Schiffe, die grundsätzlich Angreifer darstellen, von der 11 aus. Da es deutlich mehr Inselteile als Schiffe gibt, treffen sich die beiden Reihen meist zwischen 9 und 11. Die Figuren werden ebenfalls nach einem bestimmten Schema aufgebaut. Dazu werden die Figuren nach Farben sortiert und in einer vorgegebenen Farbereihenfolge von der 0 aus aufgestellt.
Wenn ich nun ein Teil kaufe, zahle ich den angezeigten Preis und nehme mir Plättchen und Figur. Außer meinem Barvermögen schränkt mich dabei nur eine weitere Regel ein. Plättchen und Figur, die an der 0 stehen, darf ich nur kaufen, wenn die Figur die letzte seiner Farbe ist, das zum Verkauf ansteht. Erwerbe ich so das kostenlose Pärchen, wird die Drehscheibe sofort weitergedreht, bis die 0 wieder zu einem Pärchen zeigt. Damit wird alles noch zum Verkauf Anstehende billiger.

Ich lege nun mein Plättchen an. Eine Insel muss so gelegt werden, dass die Topologie sich fortsetzt: Also Wasser an Wasser und Insel an Insel. Außerdem muss das Plättchen, ggf. über andere Inselplättchen mit dem Festland verbunden sein. Schiffe kommen immer in die oberste Reihe, füllen dort zunächst die drei Plätze links aus und werden dann nach rechts weiter ausgelegt.
Für die Figur gibt es maximal zwei Möglichkeiten: Entweder wird sie auf das soeben angelegte Plättchen gestellt oder aber wartet auf den Bootsmann. Jede Figuren hat dabei eine Reihe der Auslage und nur wenn das neue Plättchen in die richtige Reihe gelegt wurde, darf die Figur dorthin gestellt werden; anderenfalls muss sie auf den Bootsmann warten. Übrigens, der Bootsmann hat keine eigene Reihe und geht immer in Warteposition. Er wird erst bei einer großen Wertung aktiv.
Nach dem ersten, dritten und fünften Durchgang gibt es eine kleine Wertung. In dieser Wertung haben nur die gelben Figuren, die Goldschmiede, eine Bedeutung. Pro arbeitenden Goldschmied erhält der Spieler drei Gold. Wie arbeiten? Nun, nicht jede Figur arbeitet. Einige mögen ja in Warteposition sein. Für solche Figuren gibt es bei Wertungen nichts, egal ob wie hier Gold oder aber später Siegpunkte. Außerdem haben die Figuren Angst vor den gegnerischen Schiffen. Je nach Schiff werden zwei bis fünf Reihen bedroht. Fehlt dann der Kämpfer, um den Angriff abzuwehren, werden alle bedrohten Figuren zu Angsthasen und vergessen ihre Arbeit.
Nun fehlen die Wertungen nach dem zweiten, vierten und letzten Durchgang. Da gibt es jeweils eine große Wertung. Zunächst dürfen die Bootsmänner andere Figuren auf noch freie Inseln bringen. Danach gibt es für Adlige (rote Figuren) und Späher (grüne Figuren) Siegpunkte, sowie für Goldschmiede Gold, aber nur, wenn diese Figuren jeweils arbeiten. Zusätzlich bringen Kämpfer (schwarze Figuren) Gold und Siegpunkte von den abgewehrten Schiffen. Nach dem sechsten, dem letzten Durchgang gibt es nach der großen Wertung noch die Abschlusswertung. Hier nun gibt es Siegpunkte für die Mehrheit an Bootsmännern (grau Figuren) sowie für die meisten vollständigen Inseln und die größte abgeschlossene Insel. Dabei bekommt jeder, der die Mehrheit besitzt die volle Punktzahl und nicht, wie so oft bei anderen Spiele, nur einen Anteil. Außerdem führen nicht abgewehrte Schiffe zu einem Verlust von Gold oder Siegpunkten, wobei auch der Verlust von Gold schmerzt, denn es wird danach in Siegpunkte umgerechnet. Zum Schluss wird die Versorgung durch die Fischer (blaue Figuren) geprüft. Sie versorgen je fünf Figuren. Eine Überversorgung bringt Siegpunkte, eine Unterversorgung kostet welche. Natürlich hat dann derjenige mit den meisten Siegpunkten gewonnen.

Auslage eines Spielers Für viele ist Wikinger ein sehr gutes Spiel. Dies ist auch an der Abstimmung auf dem Spieletreff in Oberhof zu erkennen. Auch die Jury "Spiel des Jahres" hält Wikinger für empfehlenswert und ich erwarte es souverän in den Top 10 des Deutschen Spielepreises. Ich hingegen werde mit Wikinger nur bedingt warm. Dies liegt an drei Gegebenheiten. Die erste ist die, dass sich sehr schwer die Siegpunkte einschätzen lassen. Jeder Spieler macht seine Siegpunkte, mal mehr, mal weniger. Ob ein gewisser strategischer Aufbau einen Punkterückstand kompensieren wird, ist noch schwerer einzuschätzen Am Ende der meisten Spiele war die Punktedifferenz zwischen den Spielern gering und die Frage, warum jener Spieler gewonnen hatte, ließ sich zwar am Punktestand ablesen, jedoch nicht mit der Spielweise erklären. Als zweites fühle ich mich bei dem Spiel recht häufig gespielt. Ein wirklich teures Teil kann ich mir nur selten im Spiel, wenn überhaupt, leisten. So bleibt die Auswahl meistens auf ein bis drei Pärchen beschränkt. Da Plättchen und Figur gekoppelt sind, sind manche Pärchen sehr ungeeignet, was die Auswahl in meinen Augen weiter einschränkt. Der dritte Kritikpunkt trifft das Spiel zu viert: Wer hinten sitzt, ist nur einmal Startspieler. Dies hat sich zwar nicht als der große Nachteil herausgestellt, doch gab es mir und auch anderen Spielern das Gefühl eines Nachteils.
Insgesamt erweckte das Spiel in mir die Hoffnung auf strategisches Vorgehen und große Entscheidungsmöglichkeiten. Beides ist nach meinem Empfinden nach kaum vorhanden und so wurden meine Erwartungen nicht erfüllt.

Aber es gibt ja noch die Expertenregel. Die Änderungen dort sind so angelegt, dass sie die von mir empfundenen Schwachpunkte beseitigen. Da wäre zunächst der gefühlte Nachteil des Letzten einer Spielrunde: Hier nun wird das Startspielerrecht mit Gold versteigert. Der Startspieler nun bekommt noch weitere Rechte. Statt 12 Figuren für einen Durchgang zieht er 13 und wirft eine Figur zurück in den Beutel. Außerdem werden nun die Figurengruppen, d. h. alle Figuren jeweils einer Farbe, von den Spielern verteilt, wobei der Startspieler beginnt. Für die taktischen Möglichkeiten im Spiel gibt es nun Sonderplättchen. Von den 25 Plättchen stehen am Anfang eines jeden Durchgangs vier zur Auswahl. Ein solches Plättchen bekommt ein Spieler immer dann, wenn er das teuerste Plättchen erwirbt, dieses aber nicht kostenlos ist. Mit solchen Plättchen werden überwiegend die Siegpunkte erhöht. So werden bestimmt Figurengruppen aufgewertet oder Plättchen wirken ähnlich den Klöstern aus Carcassonne. Nun steigt der Einfluss auf das Spiel ein wenig, doch geht durch die Versteigerung und die Verteilung der Figurengruppen der Spielfluss verloren: Das Spiel zieht sich, wird langatmig und länger. Trotz der Schwächen bevorzuge ich daher das Grundspiel, dass immerhin so gut ist, dass ich es trotz aller Kritik mitspiele. Nur vorschlagen werde ich Wikinger nicht, weil ich eben nicht so überzeugt von dem Spiel bin wie andere Spieler. Ich rangiere hier klar am unteren Ende der Spaßskala. (wd)

Steckbrief
Wikinger

Autor Verlag Spieler Alter Spieldauer Illustration
Michael Kiesling Hans im Glück 2 - 4 ab 10 Jahre 60 Minuten Michael Menzel
Harald Lieske