Archäologie ist ein weites Feld und ich bewundere die Personen, die bei Wind und Wetter graben, hoffen irgendetwas Geschichtsträchtiges zu entdecken und wieder einmal nur Sand bewegen. Heute unterstützt die Technik, vereinfacht so die Vorhaben und erleichtert das Aufspüren alter Kulturen und ihren Hinterlassenschaften.
Ich wollte dies schon immer einmal erleben und begebe mich dafür zurück in das Jahr 1902. Die Autos, die auf der Straße fahren, nennen wir heute liebevoll Oldtimer und am Himmel finden wir Zeppeline statt Düsenflugzeuge. Meine Zeitmaschine hat mich nicht nur über 100 Jahre in die Vergangenheit gebracht, sondern auch einen kleinen Ortswechsel vorgenommen. Ich befinde mich in Warschau. Bei mir befinden sich noch weitere Möchtegern-Archäologen, die genau wie ich die Faszination von Ausgrabungen erleben wollen.
Nun muss ich gestehen, dass ich keine Ahnung von Archäologie habe. Ich werde mir zunächst einmal das nötige Wissen aneignen müssen. Aktuell wird in London ein sechswöchiges Seminar "Grundlagen der Archäologie" angeboten. Das scheint mir sehr interessant zu sein. Also fahre ich zwei Wochen lang von Warschau über Berlin nach London, quartiere mich dort gemütlich ein und erwerbe erste Kenntnisse in meiner neuen Leidenschaft.

Mein Freund Wilhelm* geht das ganze viel lockerer an und begibt sich erst einmal nach Wien. Bei einer Sachertorte hält er eine begeisternde Rede auf dem dortigen Kongress. So kann man vielleicht berühmt werden. Sich so ohne Wissen zu präsentieren … der alte Aufschneider. Während ich noch fleißig meine Grundlagen lerne, begibt er sich auch noch in die Wiener Bibliothek und erkundigt sich nach Griechenland und Palästina.
Spezialwissen über die Ausgrabungsgebiete ist absolut notwendig. Auch ich werde es mir noch aneignen müssen, weil mir sonst meine Grundlagen nicht nützen. Wilhelmine* hingegen begibt sich erst mal nach Frankreich. Ein junger Assistent bietet ihr seine Dienste an. Ein wenig von Archäologie würde er schon verstehen. Zusammen mit seinem Freund aus Rom wären sie bestimmt eine große Unterstützung. Und auch in der dortigen Bibliothek gibt es Informationen zu altertümlichen Kulturen.
Während ich nun auch endlich mal Spezialwissen erwerbe - über die ägyptischen Pyramiden und Pharaonen - ist Wilhelm schon unterwegs nach Griechenland. Viel Ahnung hat er nicht, aber am Ausgrabungsort liegt ganz offen der Helm des Minitiades. Wer früh kommt, hat gute Chance auch was zu finden.
Wilhelmine hat sich erst einmal das richtige Werkzeug besorgt. Damit lässt sich schneller und effizienter graben, auch bei wenig Spezialwissen. Mit einer längeren Aufenthaltsdauer in Mesopotamien wird sie auch fündig. Nun kommt mein großer Auftritt. Endlich habe ich den weiten Weg nach Ägypten zurückgelegt. Vor mir die Pyramiden, hinter mir der Sand. Ich beginne mit den Ausgrabungen. Ich weiß jetzt viel über Archäologie und noch mehr über Ägypten. Ich buddle … Sand. Ich buddle weiter … Sand. Immer tiefer … Sand, Sand, Sand. Gibt es hier nichts als diesen verdammten Sand!

Nur ein wenig Papyrus habe ich bis jetzt gesehen. Also weiter. Bei einem achtwöchigen Aufenthalt muss doch mehr zu finden sein. Und endlich. Zum Abschluss finde ich den Stein von Rosetta. Wenigstens ein Artefakt von höherem Wert.Genau wie meine Freunde werde ich mein Spezialwissen über die verschiedenen Ausgrabungsgebiete vertiefen und dann im nächsten Jahr wiederkommen. Wir werden die meisten Artefakte bergen und dann in Ausstellungen der Bevölkerung zeigen. Wilhelm besucht zwischendurch immer mal wieder einen Kongress und macht sich so einen Namen. Ich finde sie eher langweilig und begnüge mich mit zweien. Ich bin halt mehr ein Mann der Taten.
Wilhelmine hingegen buddelt überall mal ein wenig. Mit der richtigen Ausstattung auch ein Weg, denn so gelangt sie an Artefakte aus verschiedenen Kulturen. Damit sind Ausstellungen leichter durchzuführen.

Die Zeit wird knapp. Ich lese noch eben ein weiteres Buch über Kreta. Wilhelmine fliegt mit dem Zeppelin nach London für eine letzte Ausstellung und Wilhelm hat eine weitere Schürflizenz für Palästina. Ein letzter Versuch und der große Coup: die Schriftrollen von Qumran, das wertvollste Artefakt wird gefunden. Dann ist Neujahr 1904 und wir feiern unseren Erfolg. Das Spezialwissen wird verglichen, die Artefakte begutachtet, die besuchten Kongresse gezählt und die Ausstellungen bewundert. Nun wissen wir, wer von uns der beste und vielleicht auch der glücklichste Archäologe war … für dieses Mal.

Wer auch einmal solch eine archäologische Expedition wagen möchte, der begebe sich für ein bis zwei Stunden Jenseits von Theben. Dort reist man wie oben beschrieben zwischen den Metropolen der alten Welt hin und her, um sich Wissen anzueignen, Assistenten anzuheuern sowie Werkzeug und Transportmittel zu besorgen. Wer meint genug zu besitzen, begibt sich zu den alten, versunkenen Kulturen und gräbt. In einem Stoffbeutel warten Artefakte und viel Sand, Sand der immer mehr wird, weil die Artefakte entnommen werden, der Sand aber nach jeder Grabung zurückgeschüttet wird. In diesen Beuteln liegen dann auch Glück und Pech im wahrsten Sinn des Wortes nah beieinander.

Ich mag Jenseits von Theben wegen seiner atmosphärischen Dichte. Hier erlebe ich ein Abenteuer, befinde mich während des Spiels auf Reisen und Ausgrabungen und erleide den Sand, den endlosen Sand... mir fiel es nicht schwer, auch Misserfolge auszuhalten. Das Pech kann bei diesem Spiel jedoch erbarmungslos zuschlagen. Ein Mitspieler kommentierte es mit "das halt ich nicht aus, dieses Glück beim Ziehen der Artefaktplättchen." Wer so empfindet, erlebt Frust und keine Geschichte. Wahre Erlebnisse, richtige Geschichten haben einen Zufallsfaktor. Hier ist er thematisch hervorragend eingebunden. Mechanische Spiele gibt es viele, gute Geschichtenerzählspiele nur wenige. Hier ist wieder eins! (wd)


* Name auf die damalige Zeit angepasst.

Steckbrief
Jenseits von Theben
Autor Peter Prinz
Verlag Queen Games
Spieler 2 -4
Alter ab 8 Jahre
Spieldauer ca. 60 Minuten
Illustration Michael Menzel