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Als ich zum ersten Mal etwas über den Ablauf von Justinian hörte, erinnerte er mich sofort an Schrille Stille. Das Ambiente war hier ganz anders, aber der Mechanismus, mit dem hier Personen auf- und absteigen glich eher einer Hitparade, denn einer Einflussnahme auf Günstlinge im byzantinischen Reich. Nun, um es schon kurz vorweg zu nehmen, das Auf und Ab von Popstarts hier und Günstlingen dort hat Ähnlichkeiten, doch damit enden sie auch zwischen den beiden Spielen, den sowohl Mechanismus als auch Flair sind vollkommen anders.

Spielplan Schauen wir uns jetzt erst einmal Justinian näher an. Die12 Günstlinge werden in einer vorgegebenen Reihenfolge auf den Spielplan gelegt. Jeder Spieler bekommt seine Einflussmarken, von denen er knapp die Hälfte aufgedeckt hinter seinen Sichtschirm legt und den Rest verdeckt davor. Dazu bekommt jeder Spieler noch Karten. Diese gibt es in vier Farben und je nach Spielerzahl bekommt man pro Farbe zwei oder drei Günstlinge zugewiesen. Bis zu drei der vier Farben werden in einem Spiel gewertet.

Nun beginnt der erste von bis zu drei Durchgängen: Die Marken zeigen werte von 1 bis 3. Für die Günstlinge gibt es negative und positive. Packt also ein Spieler eine Marke zu einem Günstling, wird das später den Günstling in der Hierarchie verschieben. Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, seinen Einflussmarker zu platzieren, nämlich auf der Wertungstafel. In jedem Fall bleibt der Marker vorerst verdeckt liegen, so dass die Mitspieler zwar wissen, wer den Marker gelegt hat, aber den Wert nicht kennen. Wer keine Marker mehr legen möchte, steigt aus der laufenden Runde aus und bekommt dafür zwei neue Marker hinter seinen Sichtschirm. Aussteigen ist die einzige Möglichkeit, neue Marker zu bekommen und so weiß jeder Spieler, dass sich sein Vorrat an Markern verringert, wenn er mehr als zwei Marker. auslegt. Wenn alle bis auf einen Spieler gepasst haben, darf dieser Spieler noch Günstlinge beeinflussen sowie einen Marker auf die Wertungstafel legen. Steigt auch er aus, beginnt die Zwischenauswertung.
Zunächst werden alle Marker auf den Günstlingen aufgedeckt. Der Spieler, der als letztes gepasst hat, entscheidet, ob von unten oder von der Spitze her ausgewertet werden soll. Nachdem die Günstlinge ihre neuen Plätze erhalten haben, stellt sich die Frag, ob gewertet werden soll. Dazu wird jeder Spieler befragt. Wer eine vom Durchgang abhängige Punktzahl auf der Wertungsleiste liegen hat - hier zählt nur der Wert, es gibt also keine negativen Werte - darf mit ja antworten, muss er aber nicht. Sobald ein Spieler eine Wertung wünscht, werden sämtliche Marker auf der Wertungstafel aufgedeckt. Sollte kein Spieler eine Wertung wünschen, geht es mit dem erneuten Platzieren von Markern weiter.

Kommt es zu einer Wertung, bestimmt der Spieler, der auf der Wertungstafel die meisten Punkte gelegt hat, die Farbe, die gewertet werden soll; alle anderen erhalten ein paar Trostpunkte. Nun zeigt jeder Spieler seine Karten in der Farbe und erhält für jeden seiner Günstlinge Punkte. Dazu haben die Günstlinge drei Aussparrungen, durch die die Punktzahl angezeigt wird. Je höher ein Günstling in der Hierarchie ist, desto mehr Punkte gibt es. Dabei sind die Aussparrungen der Günstlinge, die weiter unten starten, an besseren Positionen. Steigt ein solcher Günstling weit auf, so bringt er viele Punkte. Ein Günstling, der oben startet, kann solche Zahlen nicht erreichen. Das ist der Preis für den besseren Start. Nach der Wertung kann jeder Spieler noch einen Günstling in einer der noch nicht gewerteten Farben tauschen. Dann beginnt der nächste Durchgang.
Das Spiel endet, wenn entweder drei Durchgänge abgeschlossen wurden oder aber alle Marker gelegt wurden. Tritt letzteres ein, so findet noch eine Wertung statt. Dann endet das Spiel und wer die meisten Punkte hat, ist Sieger.

Günstling Justinian ist ein sehr ruhiges Spiel, bei dem eine angespannte Atmosphäre herrscht. Diese "Pokeratmosphäre" ergibt sich den Spielsituationen: Jeder Spieler weiß, was er gelegt hat und hofft, dass ihm die anderen Spieler keinen Strich durch die Rechnung machen. Hinzu kommt die Wertungstafel: Wer hier Marker legt, hat großen Einfluss auf die Wertung, weil er einerseits mitbestimmt, ob es eine Wertung gibt, andererseits die Farbe bestimmt. Dafür fehlt ihm der Einfluss auf die Günstlinge, die durchaus in der Hierarchie abstürzen können. Umgekehrt müssen die Spieler, die ihre Günstlinge pushen, auf die richtige Farbwahl des Mitspielers hoffen. Diese Zwiespältigkeit, einerseits Einfluss auszuüben, andererseits aber immer auch den Mitspieler ausgeliefert zu sein, erzeugt Spannung. Diese bleibt auch bis zum Schluss erhalten, denn das Spiel ist sehr gut ausbalanciert und die Punkte steigen bei jeder Wertung leicht an.

Justinian ist ein ruhiges Spiel, beidem der Einstieg nicht ganz leicht ist. Dies liegt an der leider nicht sehr übersichtlichen Regel. Des Weiteren ist im Spielverlauf nicht erkennbar, wer alle Markergesetzt hat, eine kleine Regellücke, die das Ende des Spiels erschwert. Abgesehen von diesen beiden kleinen Schwächen ist Justinian ein gutes Spiel, wenn man ruhige, spannende Spiele mag. Hier nun wird auch der Unterschied zum anfangs erwähnten Schrille Stille klar: Dort sind die Besitzer der Bands offen, die Abstimmung nicht. Damit beinhaltet es mehr Ärgerpotential und hat auch durch Thema und Ablauf eine eher laute, "Juchu"-Stimmung. Auch ist Justinian wesentlich taktischer als Schrille Stille und an Spieler, die ruhige, taktische Spiel mögen, richtet es sich auch. (wd)

Steckbrief
Justinian

Autoren Verlag Spieler Alter Spieldauer Illustration
Alessandro Saragosa
Leo Colovini
Phalanx 2 - 4 ab 10 Jahre ca. 45 Minuten Harald Lieske