Die Emanzipation hat den Orient erreicht. Es hat nicht dazu geführt, dass der Harem abgeschafft wird, unverkennbar ist jedoch ein Mitspracherecht der Damen beider Wahl ihres Scheichs. Schrieb ich Mitspracherecht? Von Mitsprache kann hier keine Rede sein, entscheidet doch jede Haremsdame allein, zu welchem Scheich sie geht. Da bleibt einem Scheich nur, sich möglichst attraktiv für die Dame seines Herzens zu machen und zu hoffen, dass er für die Zicken eher unattraktiv ist. Das ist nun aber einfacher gesagt als getan, denn die Haremsdamen kennen vier verschiedene Vorlieben: Ausstrahlung des Scheichs, seinen Status, die Größe des Palasts und schließlich den schnöden Mammon. Und wenn dann zwei oder mehrere Scheichs noch in der Vorliebe gleich sind, kennt die Dame noch eine zweite Vorliebe.

Haremsdame Wechseln wir nun die Seite. Schließlich schlüpfen wir alle in die Rolle eines Scheichs und müssen versuchen, möglichst viele Haremsdamen zu betören. Na ja, wenn die Damen die richtigen Fähigkeiten mitbringen, so dürfen es auch zwei weniger sein, um uns glücklich zu machen. Haremsdamen sind nämlich intelligent, führen den Haushalt, kochen oder beherrschen Libido. Was ein Scheich bevorzugt ist sein persönliches Geheimnis und wird erst dann gelüftet, wenn er glücklich seine Damen gefunden hat.
Wir wollten doch nun starten und uns einige Damen zulegen. Nun gut, fangen wir mit unserer Grundausstattung an als da wären: ein minimaler Palast, in dem gerade mal zwei Haremsdamen wohnen können und ein wenig Grundeinkommen. Außerdem sind wir ein wenig hellseherisch veranlagt, weil wir ein Ereignis kennen, das in Kürze eintreten kann - nämlich dann, wenn wir es möchten. Dazu bekommt dann jeder Scheich noch ein wenig Individualismus: ein schönes Kleidungsstück, einen größeren Palast, ein höheres Grundeinkommen, ein Statussymbol oder ein Kamel. Kamel? Ja, die gibt es auch, aber die Zeiten als sie gegen eine Frau eingetauscht werden konnten, sind vorbei.

Das Spiel hat einen einfachen Wirtschaftskreislauf. Aus meinem Grundeinkommen und dem Gewürzhandel bekomme ich Geld, mit dem Geld kann ich meine Ausstrahlung verbessern, indem ich mein Aussehen, mein Kleidung und meine Manieren verbessern. Auch kann ich den Palast ausbauen und Kamele kaufen oder ich das Geld wieder in den Gewürzhandel stecken. Damit nun nicht alle Scheiche auf dem Basar drängeln, wird über die Reihenfolge gefeilscht: wir bieten also Geld, damit wir das dann noch verbliebene Geld ausgeben dürfen. Wer am meisten bietet, zahlt den gebotenen Betrag, wobei die eigenen Kamele Rabatt geben. Dann darf man das Geld ausgeben, um eine der vielen Dinge zu erstehen. Dabei entsteht das Dilemma, dass man alles gebrauchen kann, aber nur eine Sache erwerben darf. Außerdem ist der Basar nur aus Vielseitigkeit bedacht: es gibt alle Dinge nur einmal; was gekauft worden ist gibt es für nachfolgende Spieler in dieser Runde nicht mehr. Dafür muss man nach seinem Kauf tatenlos zusehen, wie die anderen Scheiche agieren, denn jeder bekommt hier etwas, nur vielleicht nicht das, was er möchte. Und was ist, wenn der Basar zu teuer, sprich das Geld zu knapp wird? Nun, statt etwas zu kaufen, kann man dann Almosen beziehen. Dazu muss man vorher aber nachweisen, dass man ein armer Scheich ist.
Wenn alle den Basar besucht haben, entscheidet sich die Haremsdame für ihren Scheich. In seltenen Fällen bleibt sie unentschlossen, weil ihr mehrere Scheiche gleich gut gefallen. Dann geht sie noch in keinen Harem, sondern wartet ab, bis ihr ein Scheich besser gefällt. So sehr ein Scheich glücklich über eine Dame mehr in seinem Harem ist, so sehr hat dies auch seine Schattenseite: Der Unterhalt wird fällig und natürlich muss er pro Dame im Harem gezahlt werden. Wenn dann der Unterhalt entrichtet ist und ein Scheich genügend Damen in seinem Harem vorfindet, darf er sich zum Sieger erklären.


Ereigniskarte Da waren doch noch die Ereignisse! Und woher weiß ich, welche Dame gerade aktuell ihre Entscheidung trifft? Nun ja, Ereignisse werden zu Beginn gespielt und können nach dem Besuch auf dem Basar nachgekauft werden. Dabei bekommt man mehrere Karten zur Auswahl. Die Dame und auch das Statussymbol und die Art und Weise, in der man seine Ausstrahlung verbessern kann, werden vor dem Basarbesuch offen ausgelegt. Kamel, Palastausbau, kleiner und großer Gewürzhandel stehen hingegen immer in der gleichen Form zur Verfügung.

Statuskarte Wie fühle ich mich den nun so als Scheich? Das ist ganz unterschiedlich, denn Emira und seine Haremsdamen haben viel zu bieten, Vorteile wie Nachteile. Da ist natürlich erst einmal das Thema: Frauen und Männer sind immer gut für Aufmerksamkeit. Vor der exotischen Kulisse des Orients mit seinen Harems wirkt die Geschichte andersartig, faszinierend würde nicht nur ein Mitglied der Enterprise ein paar Jahrhunderte später sagen. Thema und Gestaltung gehen Hand in Hand über, bilden eine Geschichte, die der Spieler als Scheich erlebt. Die kühle Mathematik mit ihren Zahlen, oft bei Spielen im Vordergrund, tritt hier zurück, obwohl es auch um Mehrheiten geht.

Schauen wir uns das Kernstück des Spiels an: Das Feilschen für den Weg zum Basar. Kamele bringen Vorteile, doch es fließt reichlich Geld und auch der beste Kameltreiber kann überboten werden. Dann darf jeder nur eine Sache erwerben. So sind keine große Abstände zu erringen, denn jeder Scheich verbessert pro Besuch auf dem Basar seine Lebenssituation. Was in der Welt der Scheichs Ausgeglichenheit bedeutet, bedeutet in der Welt der Spieler hingegen Wartezeit, denn wer als erstes den Weg auf den Basar beschreiten, schaut bis zu vier Mal zu, wenn die Mitspieler das Gleiche tun.
Ausgeglichenheit in der Versteigerung bedeutet noch etwas: Jeder bekommt etwas. Das ist zunächst gerecht, vor allem neue Scheiche geraten damit nicht so leicht ins Hintertreffen. Die Kehrseite der Medaille sind fast unaufholbare Rückstände. Emira hat, im Gegensatz zu vielen anderen Versteigerungsspielen wie Modern Art oder Ra, keine Zwischenwertung. Anfängliche Fehler oder auch Pech - einige der Haremsdamen vernichten ein Teil aus dem Bestand des Scheichs - sind nur schwer zu kompensieren.

Damit sind wir bei einer anderen Sache. Die orientalische Welt ist komplex. Die Ereignisse in der Wüste und die Eigenschaften der Damen benötigen eigene Regeln. Kennt man die Welt des Orients, so tragen diese Elemente zur Atmosphäre bei. Für Neulinge sind die vielen Eindrücke eine Überforderung. Statt einer Profi-Version, bei der die Paläste Schaden nehmen und restauriert werden können, hätte ich mir ein Einstiegsspiel ohne Ereignisse und ohne Eigenschaften und Fähigkeiten der Haremsdamen gewünscht.
Was wir so vorliegen haben, ist ein sehr thematisches Spiel, das deutlich länger dauert als die angegebene Spielzeit. In dieser Zeit wird man in eine andere Welt entführt, die ihre Vor- und Nachteile hat. Ob einem der Besuch in dieser Welt die Zeit wert ist, muss jeder selbst entscheiden, denn Emira ist kein Spiel für zwischendurch, sondern für einen gemütlichen Abend. (wd)

Steckbrief
Emira

Autor Verlag Spieler Alter Spieldauer Illustration
Liesbeth Vanzier
Paul van Hove
Phalanx 3 - 5 ab 12 Jahre über 75 Minuten Franz Vohwinkel