Schriftzug

Zu manchen Spielen bekomme ich schon einen Draht, während ich die Beschreibung lese. So erging es mir mit dem Pressetext von Fritz Gruber über "Die Säulen der Erde". Das Spiel klang interessant und vielschichtig und das, obwohl ich den gleichnamigen Roman von Kenn Follett nicht gelesen habe. Meine Neugierde auf das Spiel konnte ich schon bald befriedigen, kam dieses Spiel noch vor der Spiel '06 in die Brettspielwelt. Das Spielgefühl, dass ich dort erfuhr, traf genau meine Erwartungen, die sich beim Lesen des Pressetextes aufgebaut hatten. Nun rezensiere ich aber nicht eine Implementierung eines Gesellschaftsspiels, sondern das Spiel in seiner materiellen Version. Dazu fehlte mir noch das haptische Erlebnis, von dem ich mir schon allein aufgrund der reichhaltigen Ausstattung noch einmal eine positive Steigerung des Spielgefühls versprach.

Bevor ich mit meiner Bewertung fortfahre, stelle ich das Spiel erst einmal vor. Die Details der vielschichtigen, aber einfach verständlichen Karten gehe ich hier nicht näher ein; stattdessen biete ich interessierten Lesern dazu diverse Tabellen an. Das Grundprinzip des Spiels ist ganz einfach: Arbeiter beschaffen Baustoffe oder bekommen Gold als Lohn. Diese Materialien setzen Handwerker in Siegpunkte um. Unterstützung erhält jeder Spieler dabei von seinen drei Baumeistern, indem diese zusätzliche Tätigkeiten verrichten.
Das Spiel besteht aus sechs Runden zu je drei Phasen. In der ersten Phase beschaffen die Arbeiter Baustoffe. Außerdem suchen zwei Handwerker eine Anstellung bei einem Spieler, der die Dienstleistung mit Gold entlohnen muss. In der zweiten Phase werden die drei Baumeister eines jeden Spielers eingesetzt. Dazu werden sie aus einem Beutel gezogen. Zunächst kostet das Einsetzten eines Baumeisters Gold. Wer das nicht bezahlen kann oder will, stellt den Baumeister in Warteposition. Der Preis sinkt mit jedem weiteren Baumeister bis ab dem achten Baumeister das Einsetzen kostenlos wird. Nachdem alle Baumeister aus dem Beutel gezogen und eingesetzt worden sind, werden nun die Baumeister in Warteposition eingesetzt, was nun ebenfalls kostenlos ist.
Danach werden die einzelnen Aktionen der Arbeiter und der Baumeister ausgeführt. Dies beginnt mit einem zufälligen Ereignis. Da gibt es verschiedene Plätze, wo man unter anderem, Vorteilskarten, Siegpunkte, Baustoffe und Handwerker erhält. Schließlich werden die Handwerker aktiv und verbauen die Baustoffe in und an der Kathedrale, wofür es Siegpunkte gibt. Wer nach den sechs Runden die meisten Siegpunkte hat, ist Sieger. Bei Gleichstand gewinnt, wer Gold besitzt.

Bau der kathedrale

Diese recht kurze Beschreibung zeigt, dass das Spiel in seinen Aktionen eingängig ist und gradlinig auf den Zugewinn von Siegpunkten ausgerichtet ist. Dadurch ist der Zugang zum Spiel einfach. Mit seinem vielen Facetten bietet das Spiel viel Entscheidungsspielraum und unterschiedliche Strategien. Schon in der ersten Phase muss jeder Spieler entscheiden, ob ihm der Erhalt bestimmter Baustoffe oder die Anstellung eines Handwerkers wichtiger ist. Gleichzeitig gilt es, dabei die Menge der benötigten Arbeiter zu berücksichtigen. Bei den Baumeistern müssen dann die Spieler entscheiden, wie viel Gold sie für bestimmte Aktionen ausgeben möchten. Sowohl bei den Arbeitern als auch bei den Baumeistern verhält es sich so, dass die meisten Möglichkeiten nur einmal verfügbar sind. Hierüber entsteht die Interaktion mit anderen Spielern, denn was ich mir nehme, bekommt kein anderer.
Für den Spielspaß sehr entscheidend sind die Erfolgserlebnisse. Jeder Spieler erhält jede Runde Siegpunkte und die Unterschiede sind zunächst nicht sehr groß. Auch sind die Spielstände nur bedingt vergleichbar, da die Spieler in begrenztem Maße Baustoffe und Gold in die nächste Runde mitnehmen. Wie viel solche Mitnahmen Wert sind, muss sich dann erst im späteren Spielverlauf herausstellen. Da mit fortschreitender Spieldauer die Handwerker immer effizienter arbeiten, lassen sich Rückstände aufholen; der Führende hat dabei gleichzeitig auch die Chance, seinen Vorsprung zu verteidigen. Die Ausgewogenheit und die Steigerung der Handwerker garantieren Spannung bis zum Spielende. Viele meiner Partien wurden gar nur mit einem Siegpunkt Vorsprung gewonnen.
Der sehr gute Spielmechanismus wird durch die sehr schön gestaltete Ausstattung hervorragend unterstützt. Sämtliches dreidimensionale Material ist aus Holz und besticht durch die diversen Formen. Am auffälligsten ist dabei sicherlich die Kathedrale. Ihre Funktion besteht lediglich darin, der Rundenzähler zu sein. Mit dem Weiterbau, der am Ende einer jeden Runde geschieht, wird das Thema visualisiert. Der Fertigstellung der Kathedrale ist nicht nur ein Teil der Hintergrundgeschichte, sondern spielt sich direkt vor den Augen der Mitspieler ab. Die hohe Qualität setzt sich bei den Karten fort, weil jede Karte ihre eigene, stimmungsvolle Illustration aufweist.

Ein weiteres wichtiges Merkmal sind die verschiedenen Zufallselemente. Dies beginnt bei den Baustoffkarten und setzt sich über alle Karten fort. Dadurch wird sichergestellt, dass jedes Spiel seine eigene Charakteristik bekommt. Die Spieler müssen sich hierdurch immer wieder den Gegebenheiten anpassen und auf Ereignisse reagieren und ihre Wahl bei Vorteilskarten und Handwerkern treffen. Erfolgreich gestaltet man das Spiel dann dadurch, dass sich die eigenen Absichten von denen der Mitspieler unterscheiden. So gelangt man spät und dadurch preiswert an begehrte Baustoffe und Karten. Auch vermeidet man es, dass einem wichtige strategische Elemente vorenthalten werden. Gerade in der letzten Runde ist die Abhängigkeit von bestimmten Handwerkern eine Zwangslange, die oft zur Niederlage führt. Hier gilt es vorausschauend zu denken und flexibel zu handeln. Negative Kommentare zum Zufall, die ich nicht teile, zeigen mir, dass nicht jeder Spieler diese Flexibilität besitzt.

Die Säulen der Erde ist ein Spiel, für das man die angegebenen anderthalb bis zwei Stunden benötigt. Dabei ist das Spiel so unterhaltsam, dass man nicht bemerkt, wie die Zeit verrinnt. Ich empfehle, sich diese Zeit auch zu nehmen, damit man das Spiel in allen Facetten genießen kann. Nun stehen erst einmal lange Winterabende vor der Tür. Mit den Säulen der Erde lassen sie sich angenehm gestalten. (wd)

Steckbrief
Die Säulen der Erde

Autor Verlag Spieler Alter Spieldauer Illustration
Michael Rieneck
Stefan Stadler
Kosmos 2 - 4 ab 12 Jahre 90 - 120 Minuten Michael Menzel