Moderne Zeiten

"Moderne Zeiteneiten", da denke ich unweigerlich an den berühmten Film mit Charlie Chaplin, in dem er die aufkommende Industrialisierung zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gehörig auf die Schippe nimmt. Und tatsächlich auch das mir vorliegende Spiel MODERNE ZEITEN von Jumbo beschäftigt sich mit der Globalisierung der Wirtschaft in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts und den großen Spekulationsgeschäften an der Börse.

Zwei ZeppelineDie Schachtel, aber auch der Spielplan versetzen einen gleich in diese Zeitperiode. Da schiebt sich ein gewaltiger Ozeanriese, der Titanic ähnlich, ins Bild und über ihm schwebt sanft einer dieser faszinierenden, langgestreckten Zigarren, benannt nach dem deutschen Graf Zeppelin. Vorne am Kai steht eines der damals modernen Autos, nachdem sich heute die Leute auf jeder Oldtimershow die Hälse recken würden. Und das alles vor der Silhouette eines scheinbar in den Himmel gewachsenen Wolkenkratzers. Und dann erst die Spielfiguren, kleine, handliche Zeppeline, einfach schön und passend.

Im Spiel geht es darum, in fünf innovativen Branchen (Schiff- und Luftfahrt, Autobau, Telekommunikation und Hochbau), die in sechs Metropolen dieser Welt vertreten sind, durch Aktieneinsatz am erfolgreichsten zu agieren. Die fünf Branchen, verteilt auf die sechs Metropolen, finden sich dann auch auf der die Wertungstabelle spiralförmig umrundende Spielbahn, insgesamt also 30 Spielfelder. Die Aktienanteile in den einzelnen Branchen werden durch jeweils 25 Aktienkarten symbolisiert.

1 Million DollarJeder der drei bis fünf teilnehmenden Geschäftsleute erhält zu Beginn acht Aktienkarten und 15 Ein-Million-Dollarscheine als Startkapital, seinen Zeppelin und jeweils zehn große und kleine quadratische Plättchen der entsprechenden Farbe. Eine Spielrunde läuft immer in zwei Phasen ab. Zunächst werden vom bisherigen Startspieler per Würfelwurf die Anzahl der neu auf den Markt kommenden Aktien bestimmt. Diese werden versteigert, indem reihum Gebote abgegeben werden, bis nur noch einer übrig bleibt. Dieser nimmt alle Aktienkarten auf die Hand, wird Startspieler und verteilt dann reihum die zu zahlenden Dollarscheine an die Mitkonkurrenten. Eventuell bekommen also die linken Nachbarn mehr ausgezahlt als die rechten. Dieser besondere Geldkreislauf, das ganze Geld bleibt ja sozusagen im System, erhöht auf jeden Fall die Chancen der diesmal leer ausgegangenen bei der nächsten Versteigerung. Schade nur, wenn dann bloß eine neue Aktienkarte versteigert wird.

Nach der Versteigerung kommt es zur Aktienphase, beginnend beim neuen Starspieler. Man kann zwischen zwei Möglichkeiten wählen. Entweder zieht man zwei Aktienkarten vom Stapel, was aber das Ende des Spielzugs bedeutet. Oder man spielt beliebig viele, auch null Aktien vor sich aus. Anschließend überprüft man, ob die eigene Auslage die Aktienmehrheit in einer oder mehreren der fünf Branchen sichert. Anschließend wird der Zeppelin auf das nächste freie Feld einer dieser Mehrheitsbranchen gesetzt. Zuvor wird dieses Feld durch eines der größeren Farbplättchen markiert und ist damit für nachfolgende Zeppeline gesperrt. Ein kleines Farbplättchen kommt in den Wertungstabellen auf den Kreuzungspunkt zwischen Branche und Metropole.

SpielsituationDiese Wertungstabelle ist am Ende des Spiels, wenn von einem Geschäftsmann kein freies Branchenfeld mehr vorgefunden wird, wichtig zur Ermittlung des siegreichen Magnaten. Wieder wird auf die Mehrheiten geschaut, bei etwaigem Gleichstand erhalten alle die Punkte. Die Mehrheit in einer Branche bringt drei, die Mehrheit in einer Metropole von einem in New Orleans bis sechs Punkte in New York. Punktreiche Städte finden sich überwiegend am Ende der Spielbahn und entscheiden oft über den Sieg. Denn zusätzliche Punkte für das meiste Geld (drei) die Mehrheit pro Branche bei Spielende (je einen) und für die Beendung der Partie (auch einen) sind kaum ausschlaggebend.

Es gilt also, möglichst in jeder Runde ein Plättchen in der Wertungstabelle zu platzieren. Daher verbietet sich das Nachziehen von Karten fast schon von selbst, dann lieber keine Karte legen, wenn man eine Mehrheit hat. Eine solche zu erreichen fällt natürlich um so leichter, je früher man in der Runde, und insbesondere in der ersten, an der Reihe ist. Aber nur die Mehrheit in einer Branche reicht nicht, dann bekäme man ja auch nur ein Plättchen pro Stadt. Man braucht also etwas Glück bei den Versteigerungen und vielleicht hilft ein Börsencrash. Jede ausgelegte Aktie wird auf einer entsprechenden Leiste gezählt. Wenn mehr als 21 (bei drei Mitspielern) bzw. 25 ( bei vier und fünf) Aktien ausliegen, kommt es zum Börsencrash. Die Branche mit den insgesamt meisten ausliegenden Aktien wird entfernt und wieder in den Aktienstapel eingemischt. Danach kann man dann mit eventuell nur einer Aktie die Mehrheit sichern. Aber einen günstigen Börsencrash hinzubekommen, der gerade die Branche in die Tiefe reißt, in die man investieren möchte, ist nicht einfach. Man braucht halt die entsprechenden Aktienkarten und dazu Glück bei den Würfelwürfen und den Aktienangeboten. In einem Spiel zu dritt z.B. ist es überhaupt nicht zu einem Börsencrash gekommen.

AutomobileMODERNE ZEITEN hat eine kurze, aber leider an einigen Stellen unklare Regel. Deshalb ist den Rezensenten eine klarstellende, aber auch teilweise die Regeln ändernde Zusammenfassung zugegangen. Es ist zu hoffen, dass diese in weiteren Auflagen in die Regel eingearbeitet wird, damit es eine genaue, eindeutige Fassung gibt. MODEREN ZEITEN ist ein Wirtschaftsspiel mit einfacher Struktur, das aber dennoch einige wohlüberlegte Entscheidungen verlangt. Insbesondere zum Ende einer Partie hin gilt es, vielfältiger abzuwägen, z.B. eine Versteigerung nur deshalb gewinnen zu wollen, um als Startspieler vielleicht ein letztes Mal vor einem zu erwartenden Börsencrash noch einmal eine Mehrheit ausnutzen zu können. Dennoch: Durch die Glückskomponente Aktienmarkt und den sich daraus oft 'zufällig' ergebenden, aber wenig abwechslungsreichen Spielverlauf, wird der Spielefreak wohl weniger Gefallen an MODERNE ZEITEN finden. Seine Klientel wird eher die spielende Familie sein. (mw)
 

Steckbrief
Moderne Zeiten

Autor Verlag Spieler Alter Spieldauer Illustration
Dan Glimme/
Grzegorz Rejchtman
Jumbo 3 - 5 ab 10 Jahre 45 - 60 Minuten Franz Vohwinkel